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Ausstellung «Was wäre wenn - vom Spekulieren und Handeln für die Zukunft», 11/25-02/26, Kornhausforum Bern

In der von Katrin Weilenmann und Nicolas Kerksieck co-kuratierten Gruppenausstellungs stellte Philip Loskant verschiedene Arbeiten unter dem Titel "Archeologie der Zukunft" aus.

 

Archeologie der Zukunft

Gesellschaftliche Zukunftsszenarien entstehen aus Erzählungen der Vergangenheit, die durch den Blick der Gegenwart in die Zukunft projiziert werden. Unsere Zeit macht besonders deutlich, dass Vorstellungen von Realität vielfältig und oft widersprüchlich sind. Dennoch werden bestimmte Zukunftsbilder häufig als alternativlos dargestellt und für partikulare Interessen instrumentalisiert. Dabei spielt Angst eine zentrale Rolle: Sie dient als Motor manipulativer, scheinbar kollektiver Zukunftsvisionen.

In seiner neuen installativen Arbeit – bestehend aus Modellskulpturen, Diagrammen und KI-generierten Bildern – verfolgt Philip Loskant eine gegenteilige Strategie. Er lenkt unseren Blick auf mögliche Zukünfte und versteht diesen bewusst als positiv und lustvoll. Der titelgebende Begriff «Archeologie» ist dabei eine Schöpfung aus zwei Gedanken. Einerseits soll er einen angstfreien Blick in die Zukunft ermöglichen, als wäre sie schon geschehen – ähnlich wie bei unserer Faszination für archäologische Spekulationen. Andrerseits spielt «Arche» auf die Erzählung von Noahs Arche an, die hier jedoch in die Zukunft projiziert wird. Wie könnten «Arche-tekturen» aussehen, die nicht nur einer einzelnen Lebensweise das Überleben sichern, sondern durch ihre Vielfalt ganz unterschiedlichen Lebensgemeinschaften Raum gäben? So entstehen Vorstellungen koexistierender Zukünfte, die nicht von einer einzigen Weltanschauung dominiert werden, sondern Räume für verschiedenste Lebenskonzepte bieten.

 

 

«Spekulationen», Printgrafiken, 20x25, 30x40, 30x120 cm, 2025

Drei grafische Arbeiten bilden den theoretischen Hintergrund der «Archeologie»: Um Zukünfte zu entwerfen, sollte man in die Vergangenheit schauen. Die Grafik «Kausalitäten» versucht, das Zusammenwirken verschiedener Aspekte der Kulturevolution und die daraus entstandenen Gesellschaftsmodelle in Zusammehang zu bringen - und in die Zukunft zu projizieren. «Gesellschaftscharaktäre» visualisiert, gleich einem Psychogramm, mögliche Charaktereigenschaften verschiedener künftiger Gesellschaftstypen. «Territorien» stellt eine Spekulation über eine geopolitisch pluralistische Ordnung in kleineren z.T. nicht-staatlich organisierten Territorien vor.

 

 

«Capriccios», generative KI-Bildserie, 20 x 20 cm, 2023

Variantenbildung, Mutation und Selektion sind, wie in der Biologie, wesentliche Mechanismen kultureller Evolution - und daher Werkzeuge dieser Arbeit. "Capriccio", auf Deutsch "lustvoller Regelverstoß", bezieht sich dabei auf die unkonventinelle Rekombiniation historischer architektonischer Elemente – gleich "Mutationen" in der Evolution.

 

«Waldhaus», Karton, Holz, Draht, 52 x 100 x 30 cm, 2025

Das «Waldhaus» ist Idealbehausung für ein Kollektiv von ca. 30-40 Personen die im Wald leben. Obgleich in der Zukunft angesiedelt, werden alte Stärken des Menschseins wieder aktiviert: selbstversorgendes Leben in einer Grossgruppe in naturnaher Umgebung. Das Kollektiv lebt von dem was der Wald her gibt: es jagd, sammelt und stellt Produkte aus Holz her – zum Beispiel Möbel, die auf lokalen Märkten verkauft werden. Das Leben im Waldhaus vollzieht sich im Wechsel der Jahreszeiten mit dem Wald: im Sommer spendet dieser Schatten, Im Winter lässt das fehlende Blätterwerk Licht und Wärme in grosse kollektive Wintergärten fallen. Dachgärten und das Jagen und Sammeln stellen eine Grundversorgung sicher. Angewiesen ist die Gruppe aber dennoch auch auf den Austausch mit ackerbauenden Menschengruppen. Wie in der Vergangenheit bedeutet diese Art zu leben zwar materiellen "Verzicht", schafft aber auch Raum für Lebensqualität durch Selbstbestimmung - fernab zentralisierter wirtschaftlicher und staatlicher Autoritäten.

 

 

 

«Villagers», Ton, Gips, Holz, 52 x 52 x 25 cm, 2025

In «Villagers» widerspiegelt sich eine dörfliche Sozialutopie. Auch hier gilt: obgleich in der Zukunft angesiedelt, werden alte Stärken des Menschseins wieder aktiviert: eine egalitäre Gesellschaft in der das soziale Miteinander wichtiger ist als materieller Konsum - in der in Kollektiven produziert wird und nicht in Konzernen. Folglich ist auch die Architektur egalitär aus einem einfachen Lehmbauprinzip entwickelt und von geringer Geschosshöhe - so dass die Häuser von den Bewohnern selbst ohne grösseres Baugerät gebaut werden können. Die Kommunikationstechnologie ist unabhängig von internationalen Netzbetreibern und Geräteherstellern, einfach zu erbauen: ein System aus kabelgebundenen Telefonen und radiowellenbasiertem TV - wie früher. Nicht medialer Konsum sondern gemeinsame Kommunikation ist kollektiver und individueller Glücksmotor.

 

 

 

 

 

 

«Sakralkörper #2», Modellbau Collage, 40 x 60 x 100 cm, 2014 

Der bereits 2014 entstandene «Sakralkörper» vermischt die Ästhetik traditioneller Sakralbauten mit der Faszination für dynmische Zukunftsmaschinen, Flugzeuge und Kriegsmaschinerie. Er thematisiert die typisch menschliche Diskrepanz zwischen emotionaler Faszination für etwas und dem Wissen, dass wir das Gleiche eigentlich ablehnen (sollten): Monumentalität, Machtsymbolik und Gewalt. In der "Arche", der Lebensgemeinschaft um den «Sakralkörper» spielen aber zugleich mythisches Denken und das Vertrauen in die Kräfte des Kosmos eine zentrale Rolle. Entstehen und Zerfall werden als unweigerlicher Lauf der Dinge verstanden. Ein feines Gespinnst aus gesellschaftlichen Regeln und Tabus versucht jedoch, ein Gleichgewicht zwischen beiden Aufrecht zu erhalten.

 

«Kranich», Modellbau Collage, 35 x 35 x 25 cm, 2024

Obgleich viele Zukunftsvisionen das Verlassen unseres Planeten als "einzigen Ausweg um zu überleben" darstellen, scheint dieser zugleich der absurdeste. In Anbetracht der Grösse des Alls und zu transportierender Menschenmengen bleibt jedes "Raumgefährt" ein Witz.